Verfasst von: sanddancer | Oktober 27, 2006

Erinnerung, Zeit und Sinn

Rot. Rote Liegestühle waren vor uns ausgebreitet und ausgeklappt. Genau diese, deren gummiartigen Streifen in seichten Bögen, der Last trotzten. Ein wenig ähnlich den Flamingos in Farbe und ihrer nachgebenden Art der Bewegung; ein sanfter Bogen aber dennoch stabil. Diese lagen vor uns gestaffelt wie die Lebkuchen am Weihnachtsstand und genau auf jenen lagen wir ausgestreckt im Raum der Ruhe. Es war die Zeit der Besinnung. Der Blick aus dem Fenster zeigte uns Dunkelheit und grelle Lichter, die zu der Zeit jeden anmütig erscheinen ließen. An den Tagen kurz vor Heiligabend an denen alle Welt rast, in zweifelhafter Suche nach Geschenken und im Endeffekt dennoch alles gleich bleibt. Nur jetzt war alles still draußen. Mit unseren Leichtgewichten hatten die Liegestühle keine Not und wohl auch nicht mit der Zeit da draußen. Die Grenzen sind woanders gestellt. Neben mir selbst lag ein Zivi, der ich selbst nun bin, aber ich war Abiturient und gegenüber an der Scheibe lag ein regungsloser Mensch und vergrub sein Angesicht in den Armen. Keine Reaktion auf gar nichts. Unsere Blicke wechselten auch nur in langen Frequenzen zwischen Decke und in die Dunkelheit und wieder zurück. Zu suchen gab es nichts denn der Raum ließ keine Besonderheiten zu, sooft man ihn auch absuchte. Vielleicht kamen wir deshalb zur Frage zurück: „..was machen wir?“
Mein Kamerad, der in Mitten seines Zivis war, hatte wohl die sorgenloste Zeit seines Lebens und ich hatte sie vor mir. Es ist ein wenig wie wenn man im Liegestuhl liegt und nicht vorwärts kommt. Man liegt eben und es passiert nicht. Die Last fällt ab, aber vielleicht kommt sie später. Aber das kümmert keinen. Man weiß es nicht. Ich war im letzten Jahr und würde dann die Schule verlassen, in Hinblick auf die Zividienst. Die Suche, die wir ja eh aufgegeben hatten, war in uns beiden. Wenn man schon nicht suchen konnte, was macht man dann. Nachdem man seine einsamen Stunden hinter sich hat und wenn man wieder von den Liegestühlen aufsteht. „Ich weiß es noch nicht. Vielleicht gehe ich fort“. Aber nicht zu der Zeit an Weihnachten. Da gibt es keine Verabschiedung und keine Suche sondern Besinnung.
Sonst bleibt es um uns herum still. Unsere Stimmen sind kaum hörbar. Es scheint als ob die Zeit stehen geblieben ist. Aber wir schlagen sie eher tot, denn die Zeit bleibt nie stehen. Das Quietschen der Gummistreifen zeigt es uns. Nur der Mann gegenüber ist immernoch regungslos.
„Vielleicht wird Dirk Nowitzki gewinnen. Vielleicht wird die politische Lage besser. Wann zoggn wir wieder und wo?“
„Es ist dunkel draußen.“
„Lass uns mal überlegen. Wir sind ja keine Profis.“
„Aber wir müssten trainieren“
„Ja.“
„Gehen wir wieder ins Wasser?“
„Ja“
Es ist doch wie ein Abschied. Ein Abschied von den Liegestühlen.
Man muss eben Aufstehen aus dem Liegestuhl, der so schön ist wie ein Flamingo.

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