Verfasst von: sanddancer | Juni 12, 2007

Buch – "Im Kielwasser"

„Da war etwas mit dem Gesicht. Ich hatte es noch nie gesehen, es aber wiedererkannt, und wenn ich jetzt daran denke, fühle ich mich nicht wohl.“
So beginnt das Buch „Im Kielwasser“ vom norwegischen Schriftsteller Per Petterson und setzt genau dort an, wo das Leben der Protagonisten am absoluten Tiefpunkt angelangt ist. Der Protagonist, ein Schriftsteller Mitte 30, steht an einer Buchhandlung und presst sein Gesicht vor Schmerzen gegen die Scheibe, mit dem tiefen Glauben er habe Lungenkrebs. Aber es ist was anderes, dass ihn kein Schritt weiterführt, ihn in eine Starre des Elends und Verwundlichkeit
stehen lässt, die fast alle Grenzen zur Wehleidigkeit sprengen lassen, und ihm die Einsicht gibt, dass er eine Rundumerneuerung braucht. Es ist sein Leben.
In wechselnden Abschnitten von Erinnerungen und Jetztsituationen lässt der Schrifsteller den Leser am Leben eines Menschen anteilnehmen, dem erst nach langer Auseinanderstzung mit sich selbst klar wird, wo er sich befindet. Dabei bekommt der Leser nie das Gefühl, dass jener eine andere Wahl gehabt hätte, es scheint alles berechtigt und nachvollziehbar.
Im Mittelpunkt des Lebens des Protagonisten steht ein schier übermächtiger Vater, über dessen Schatten er nicht springen konnte, und erst später merkt, dass dies nie notwendig gewesen ist. Es ist der Anfang eines Lebens, die mit Revolutionsromantik und einem Leben am Fjord begann und dann in eine kulturelle Einsamkeit führte. Die Eltern und zwei Brüder sterben durch ein Schiffsunglück, die eigene Familie verliert er durch die Scheidung mit seiner Frau, ihm bleibt ein Bruder, der das gleiche Schicksal widerfahren hat. Ohne Selbstmut verliert er sich, schottet sich ab, kennt in seinem Wohnblock einzig einen Kurden, der nur drei Wörter norwegisch kann, danke, hei und Problem. Er kann das Schöne am Leben nicht sehen.
Aber das Buch ist keine Katastrophengeschichte geworden, sondern ein hoffnungsvoller Aufbruch in die Zukunft. In melancholisch-schönen Szenen rollt der Protagonist sein Leben auf und löst sich v. der Vergangenheit, erkennt das Leben wieder.
„Eigentlich gefällt es mir so, wie es ist: gereinigt und auf Null gestellt.“
„Willkommen im Club

Man findet sich im Buch wieder; es sind diese verregneten Momente, in der man nachdenklich, überarbeitet oder übermüdet auf einer Bank sitzt, gerade aus starrt und nicht weiß, woran man gerade denken muss.

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