Verfasst von: sanddancer | Juli 6, 2007

Italienisches Tagebuch Teil I

Milan und der König der Straße

Es ist sehr heiß in jenen Tagen in Milano und der Hunger treibt uns vom Bahnhof in eine Querstraße der Hauptstraße, die gar nicht wie eine Nebenstraße, sondern eher wie ein Highway aussieht. Wir werden fündig an einem leeren winzig kleinen Sandwichladen umgeben von Marketing und Modegeschäften, die über alles herausragen. Aus dem Sandwichladen, ich nenne ihn mal so, weil ich den Namen vergessen habe und weil der Name passt, dröhnt laute Technomusik, ganz und gar nicht mein Fall. Aber hungrig mit einem langen Reisetag vor uns kommen die prunken und pompösen Restaurants gar nicht in Frage. Wir entscheiden uns zu bleiben.

Nach einer einstündigen Suche nach einem ruhigen Plätzchen zum Rasten, sind wir ab Bahnhof hoch und runter gehastet. Neben uns stinkende Autoabgase, Krach und Hupen, vor uns lange verschmutzte Wege, über uns riesige Wolkenkratzer und die Sonne sticht erbarmungslos. Milan ist mit Abstand eine der hässlichsten Städte der Welt in einem der schönsten Naturregionen. Sie wirkt groß, verdreckt und arrogant. Ein Mix aus unechter Eleganz und falscher Größe. Ab und zu sieht man eine kleine Grünfläche voller Hundescheiße oder Vogelkot. Dann laufen Frauen und Geschäftsleute vorbei. Frauen mit Beinen wie Pelikane aufgemöbelt als Hollywoodplakiate Europas. Sie glitzern in den Schaufenstern der Geschäfte und Bankgebäuden. Ein alter Mann trottet ohne große Anspannung quer über die Kreuzung und stört sich nicht um den Ansturm von hupenden Autos.

Im Sandwichladen bleiben wir erst mal sitzen, die Bestellung ist aufgenommen und ein junger Kellner bewirtet uns. Mal steht er an der Tür schaut sich um, dann macht er die Sandwiches, dann spricht er mit einem Besucher und auch mit uns beginnt er ein Gespräch im lockeren English: „…no I´m from Sizilia, I need Money to work…“ Es ist eine sehr große, äußerlich-attraktive Person, doch sehr unruhig hastet er um und in seinem Laden herum, sodass man die anderen zwei Mitarbeiter gar nicht bemerkt. Er ist der König des winzigen Ladens, er legt die Musik auf, er ist der Entertainer der Straße. Sein wichtigster Ort ist die Türschwelle an der er sich stolz präsentiert, um mit jedem Vorbeikommenden, die er anscheinend alle kennt, ein Wort auszutauschen und in Not einzuspringen. „Ciao Simone,..do you have music for us?“, der Nachbarmitarbeiter des Designerladens braucht eine von Simones CDs. So dauert es eine Weile bis er mit uns ein Gespräch anfängt. Doch er muss ja schließlich die Sandwiches servieren. „Where are you from Mexiko? oh…“ und schon fängt er an mit meiner hübschen Nachbarin im gebrochenen Spanisch zu reden. Darin hat er Übung, der kurze gelungene Smalltalk, während seine Kette am Hals baumelt. Ich selbst bin unwichtig geworden, genieße es aber ihm zuzuschauen, wie er sein bestes gibt. Zwischen dem kleinen Gespräch kommen, wie immer, Bekannte vorbei, eine Bankangestellte aus Deutschland, zwei Models, eine Frau aus Afrika, der Ladenbesitzer gegenüber, „Ciao Bela how are you?“. Nach einer Weile frage ich ihm, wie lange er hier arbeitet. „This street is my world.“ Recht hat er und er ist der kleine König zwischen den großen Geschäften und hübschen Frauen. Jede Abwechslung nimmt er gerne an, jeder Vorbeikommende ist seine Pflicht.

Es fängt zu regnen an, Simone muss den nächsten Gast begrüßen. Wir müssen gehen. Er wirkt wie eine ironische Figur, die in seiner vorgegebenen Größe in einem winzigen Laden gefangen bleibt. Ein stolzer König eines winzigen Ladens, dessen Welt eine Straße bildet.

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Responses

  1. I think I have to learn Germany to read this! hehe : )


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