Verfasst von: sanddancer | Juli 24, 2007

Italienisches Tagebuch Teil II

Ankunft und Grenzen

Mit rollendem Getöse macht sich der Zug auf dem Weg. Die größte Stadt Norditaliens liegt hinter mir Mailand oder wie sie hier genannt wird Milano. Ein Name der für jedes Ohr eine Wohltat ist. Wie auf jedem großen Bahnhof ist auch dort das Leben rege, hier treffen jegliche Menschen der Welt zusammen.
Sie suchen nach einer Nummer, einem Ticket, einem Bahnsteig, einem Bahnbeamter, Namen fliegen durch die Luft wie Vögel. Alle Formen der Geschwindigkeit kann man hier sehen; Hektik, Eile, Langsamkeit und Muße in einem. Die Schlange am Ticketverkauf ist angewachsen und wächst weiter, ich lasse sie weiterwachsen. Obwohl die Schlange voller Stehenden ist, ist die Eile bemerkbar, schnelle Forderungen und Wünsche werden dem Beamten an die Glaswand gedrückt. „To Lecco, three Euro, please“, der Beruf eines Schalterbeamten muss einer der eintönigsten sein, denn für Anerkennung bleibt relativ wenig Zeit. Ich habe Zeit und suche mir ein setzbares Plätzchen um mich dem euphorischen Anfangsgefühl eines Reisenden hinzugeben. Was ich sehe ist eine Vielzahl von Gefühlsregungen, die am Bahnhof gang und gebe sind, aber man selbst nicht nachzuvollziehen kann. Abschied und Willkommen, Kraftlosigkeit und Einsamkeit, Gruppendynamik und Freude. Eine Frau lächelt mich an, ich bin gerade richtig zum Fotos schießen.
Doch Hektik und Seelenruhe mögen sich nicht besonders, irgendwie ist der eine dem anderen im Weg. Vor allem an schwülen Tagen wie diesen,vor allem nicht unter diesem Dach, das nur gelb-gebleichtes Licht durchlässt und die dreckigen Wände schwitzen lassen scheint. Alles wirkt wie ein Knäuel von Menschen ohne Überblick. Überblick gibt nur die Anzeigetafel. Sie wirkt wie ein digitales Telefonbuch und wird nicht stoppen Fahrzeiten bekannt zu geben.
Die Stadthäuser an denen ich vorbeifahre habe ich nicht gezählt, doch es sind relativ viele die direkt an der Bahnlinie, sodass es manchmal erscheint, dass die bunten Wäscheleinen über und zwischen den Strommästen hängen. Als ob die Bahn durch den Alltag hindurchfährt und nicht nur ein Teil von ihr ist.

Auf dem Weg nach Lecco kommt mir die Grenzüberfahrt aus der Schweiz nach Italien ins Gedächntnis. Ich glaube, ich konnte spüren wie der Zug, wie ich die Grenze überfuhr und dann plötzlich Cabinieri um uns herumstanden. Es ist ein anderes Gefühl, eine andere Sicht und die Schweiz erschien, in ihrer „malerischen“ Seite, wie ein Traum, sie ist alles andere So standen wir in Chiasso. Eine Vielzahl der Passagiere waren auf dem Weg nach Venedig. Ein Junge lief von der schweizerischen Seite Chiassos, zur italienischen. Er war spät, musste warten und blieb am Absperrzaun stehen, während der Zug anfuhr. Wäre nicht ein netter Passagier an der Zugtür erschienen und hätte laut etwas den Cabienieri zugerufen, der Junge hätte den Zug verpasst. Dafür verpasste ich meine Station und landete dafür in Milano ganz kostenlos; „Ciao Gratias“, „Ciao“. Der nette Passagier neben mir konnte darüber nur lachen, ja er ist auch nur ein verstreuter Professor, für Physik.
Manchmal muss man auch etwas verpassen.

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