Verfasst von: sanddancer | Juli 27, 2007

Italienisches Tagebuch Teil IV

Italienischer Regen

Wenn eine Woche die Sonne brennt und die Erde unter den eigenen Füßen zu kochen scheint, dann hört sich ein Gewittergrollen wunderbarer und schöner an, als das Rauschen eines Flusses. Man kann das Dunkle am Himmel kein schlechtes Wetter nennen, genauso wenig wie man die momentane Hitze als angenehm bezeichnen würde. Die willkommende Abwechslung ist das Angenehme und etwas Besonderes im kleinen Bergdorf Ello. Ich sitze gerade auf der Kirchenmauer und mir kommt eine Kindheitsszene in den Sinn, als Mütter in überfüllte Kinderzimmer hineinschauten und mit Nachdruck fragten: „Was ist denn hier los!?“
Hier ist was los. Nicht nur weil die ungeheuer lauten Kirchenglocken über mir angefangen haben zu läuten. Das ganze Dorf ist in Bewegung geraten und alle sind auf den Beinen. Ganz im Gegensatz zur Mittagszeit oder zur berühmten Ruhe vor dem Sturm. Nun bereitet sich ein jeder auf das Gewitter vor. Es scheint als ob sich das ganze Dorf zu einem Volksfest zum Tanzen verabredet hat. Kein Zeichen von Erschrockenheit oder Hast, lebhaft wirkt das ganze. Mir gegenüber, haben es sich drei ältere Herren auf einer überdachten Terrasse mit Wein und Karten bequem gemacht. Impulsiv fangen sie zu reden an und schauen dem Treiben zu. Ich glaube, jeder will den Moment nicht verpassen, wenn es zu Regnen anfängt. Jeder will erleben wie der erste Regentropfen schwerfällig beladen mit Wasser, in der Sonne schimmernd, vom Himmel fällt und mit einem lauten „plob“ auf der Erde zerspringt. Die letzten Wäscheleinen werden eingezogen, eine Unterhose liegt verloren auf der Straße, eine Mutter nimmt ihr Kind in den Arm, das durch den dicken Tropfen auf seiner Wange einfach staunend stehen geblieben ist, und verschwindet mit ihm in einem Haus. Bevor der Regen schließlich loslegt, haben alle ihre letzten Pflichten erledigt und Menschen machen dem Regen platz. Man kennt das Wetter und freut sich immer wieder über seinen Wechsel. Es fängt an zu tröpfeln und der Kirchenbrunnen neben mir hat einen Mitstreiter gefunden.

Zuerst leise, dann immer lauter und schneller fängt es an zu regnen. Auf den Straßen bildet sich ein kleines Rinnsal, das sich durch die Gassen windet und den Dreck und Staub fortspült. Ein Blitz zeigt sich und aus dem Regendunst steigt ein frischer Duft und eingehender Geruch verschiedenstartiger Pflanzen auf. Ich habe ein wunderbares Gefühl von Erleichterung. Nie hatte ich eine passendere Vorstellung von Romantik. Es ist fast so, als ob man die Kontrolle über den Augenblick verliert.
Es wird schließlich dunkler und dunkler. Die Berge verschwinden in einer Hülle von Wolken und werden so schnell nicht mehr vorkommen. Die Häuser scheinen nur noch verschwommen, das ganze Dorf taucht in einen Dunst. Die Spannung löst der Regen, im Kontrast des Gewitters zum Dorf, von Macht und Ohnmacht, Bedrückung und Erleichterung und stellt damit jedes moderne Medium, jede Großstadt in den Schatten. Regen und Element, hin oder her, hier hat er ein Zuhause.

Irgendwo bleibt ein schwacher Lichtschein einer Laterne zu sehen; Es ist ein dünner Lichtkegel, der auf der Terrasse der Senioren scheint. Dort ist Ruhe eingekehrt ist und nur die Weinflasche steht noch leer auf dem Tisch. Ein wenig Licht zur Not, falls sich ein Fremder verirrt hat und eine Unterkunft braucht.

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