Verfasst von: sanddancer | August 22, 2007

Italienisches Tagebuch Teil V

Berge

Berge beinhalten die Weisheit, sagte einmal ein guter Freund von mir. Doch diese Vorstellung mag sich in meinem Kopf nicht so richtig durchsetzen, vor allem nicht in diesem Moment, wenn der Himmel dicke dunkle Wolken zwischen riesige Bergwände presst und eine Weisheit wie eingequetscht wirken würde. Weisheit erinnert eher an Weitsicht und müsste wohl auf der Spitze zu finden sein und nicht irgendwo im Tal. So scheint es. Aber irgendwie hatte mein Freund doch recht. Denn der Ausdruck und die Atmosphäre die diese Berglandschaft auf jeder Person herablässt, zeigt von unberechenbarer Ehrlichkeit und einer Geschichte auf deren Suche wir in den Bergen Antworten finden können.

Der Tee dampft kräftig und kämpft gegen den kühlen und schüttenden Regen. Überall plätschert es und das trockene Vordach erscheint wie ein Königreich. In Wirklichkeit ist es eine kleine Hütte eines alten Bergsteigers. Man kann seine winzige Hütte nicht Restaurant nennen, doch wenn der Alte die Teetassen herausbringt dann wirkt es in seiner unprofessionellen Art einfach wohltuend, verstärkt durch raschelnde Windspiele und blühende Blumen. Die edlen Teetassen bleiben warm.
Die Hütte liegt genau an der Grenze zum Anstieg des ehemaligen Gletschers. Bis hierhin schaffen es die meisten Touristen vom Parkplatz entlang des Bergflusses bis zur alten Bauernsiedlung, deren weiße Hütten fast mit den grauen Felsen verschmelzen und eine real ärmliche Idylle erzeugen. Eine Idylle die wie ein Traum unberühter Natur erscheint, wenn die Sonne scheint und wenn man die Plastiktüten am Flussufer übersehen will. Ein wahrer blauer Fluss, der manchen fragend nach der Ausdauer seiner Kraft zurücklässt. Die Touristen machen am Restaurant halt. Den steilen Pfaden auf die Berghöhe zu folgen, ist den meisten doch zu anstrengend. Da sind die selbstgemachten Speisen des Alten angenehmer, Polenta, Brot und Olivenöl. Doch wenn einer zufällig in die Küche blickt, in der das modernste eine Glühlampe ist, dann bleibt ihm nur das Staunen.
Die junge Frau gegenüber mir hält sich fröstelnd die Arme. Es hat zu regnen angefangen und das Wetter verwandelt sich blitzartig in den Bergen. Mit dem Regen sind auch die Menschen verschwunden, die steilen Berghänge wirken nicht mehr dominant sondern bedrohlich. Es ist kalt. Wir Menschen bleiben gefangen und klein und man versteht die Entstehung von Mythen frühere Zeiten. Gemeinsam halten wir den Tee in unseren Händen und schauen dorthin wo der Blick der jungen Frau hängen geblieben ist. Am Berghang gegenüber, an dem zwei junge Männer den Aufstieg wagen. Doch Regen und Wolken lassen in unseren Augen nur ein verschwommenes Bild zurück, während es oben ungeheuer wirbelt. Einzig der Alte schläft ruhig. Er weiß, dass die Männer erfahren sind und noch ist der Tee warm.
Die Zeit geht langsam. In solchen Momenten scheint man endlos genug von ihr zu haben und wir füllen sie, aber sind unfähig sie selbst mit etwas zu füllen. Ablenkungen mögen uns nicht recht gelingen. Berge sind gefährlich, mächtig und können verschlingen. Aber sie verschonen diejenigen, die sie versuchen annehmen. Sie bleiben mächtig und weiser als wir, egal wer sie überwinden will, sei es ein Hannibal. Respekt, Akzeptanz und Emotion, Berge sind Quellen des Lebens.

Irgendwann schließlich stößt ein Lichtstrahl durch die Wolken und trifft die Felsenwand. Noch hat sich keine Ruhe ausgebreitet, weder in der jungen Frau, in uns oder im Tal. Aber als das Tal im Licht erkenntlicher wird und aus ihr zwei Männer hervorkommen, atmen wir erleichtert. Denn auch schützend ist ein Berg.

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