Verfasst von: sanddancer | August 24, 2007

Die Bedeutung der Arbeit II

Um nochmal auf die Anfangsfrage zurückzukommen: Was ist Arbeit heute?
Besteht ihre Funktion in einer Unersetzlichkeit, als Quelle, Zugang zu sozialen Bindungen, gesellschaftlicher Integration und schließlich eigener Identitätsfindung zu erhalten? Kann sie eine Lebensbasis sein oder vielleicht sogar einen Lebenssinn erfüllen? Oder erfüllt sie gar keine Funktionen, außer Konsum.

Wenn man sich die zunehmende Anzahl an prekären und temporären Arbeitsformen vor allem im Niedriglohnsektor anschaut, von Teil-, Zeit- bis Leiharbeit, in dem der Arbeitende strukturlos bleibt, dann scheint Arbeit als Lebensbasis unausreichend, fast unmöglich. Denn jene Arbeit erfüllt nicht die Wünsche nach Zukunft, Sicherheit und Nutzen. Dennoch scheint die Arbeit Zentrum unseres Lebens zu sein. Nicht nur weil wir die meiste Zeit unseres Lebens mit ihr verbringen, sie soll eben auch die Selbstverwirklichung und Zukunftssicherung sein. Ohne Arbeitsplatz würden wir in Ausgrenzung und Hoffnungslosigkeit stürzen, in die Arbeitslosigkeit. Wir sollen um etwas kämpfen, was nicht mehr genügend vorhanden ist; um eine entlohnte Arbeit an einer festen Arbeitsstelle.
Die Glorifizierung einer festen Arbeitsstelle und eben auch der Wunsch danach, bewirkt, dass die Menschen sich in einen Konkurrenzkampf begeben und jedwige Ansprüche der Arbeigeber erfüllen müssen. Die Konkurrenten werden gegeneinander ausgespielt und die Verlierer bleiben minderwertig zurück. Wir sollen immer schneller studieren (werden dazu nebenbei auch durch Studiengebühren gezwungen), sollen uns in Ausbildungen hineinbegeben, Karrierepläne durchziehen, mit anderen Worten hochausgebildet, schnell und perfekt sein, obwohl doch die Wirtschaft mehr Zeit freisetzt und Arbeit immer weniger braucht.

Wir brauchen Arbeit als Lebensgrundlage, das ist unermesslich. Wir brauchen sie, gegenüber utopischen Aussteigern. Aber wir brauchen keinen Zwang und keine Abhängigkeit von polit. und wirt. Stimmen, die behaupten, dass Arbeit für jeden unentbehrlich ist und doch nicht für jeden zu erreichen. Eine Arbeit deren Ansprüche wir ausgeliefert sind, und so ihren Sinn in Nutzen und im ersten Schritt als Basis für ein Lebensprojekt schlicht nicht hat. Nicht Arbeit muss gesellschaftliche Integration liefern, sondern gesellschaftlicher Zusammenhalt hilft humane Arbeitzu erreichen.

Das Leben besteht nicht nur aus Arbeit. Diese Meinung, die die Politik versucht uns einzureden und sogar zu legitimieren, ich denke da nur an den CDU-Slogan “Sozial ist, was Arbeit schafft”, geht an der Ansicht der Menschen vorbei (denn die Art der Beschaffung und die an ihr verknüpften Bedingungen sind weniger sozial. Und sozial ist nicht Arbeit zu beschaffen, sondern eine moralische Leistung. Ebenso beinhaltet produktionstechnische Arbeit ohne Nutzen, eben keinen Lebenssinn). Andersdenkende werden aber durch diese Ansichten niedergedrückt und wenden sich rückschrittlich Arbeitsverhältnissen zu, anstatt Probleme, wie Arbeitslosigkeit oder Sozialabbau, positiv anzugehen! Nicht alle Vorsätze sind blind zu akzeptieren, sondern zu betrachten was daran falsch sein könnte und was besser gemacht werden kann. Ängste sollten durch gesellschaftliches Handeln abgebaut und Hilflose aufgefangen werden. Ebenso sollte versucht werden, auf unangemessene Arbeitsverhältnisse, angemessen individuell und kollektiv zu reagieren, um schließlich so vielen wie möglich ein sicheres Einkommen zu ermöglichen.

aus Andre Gorzs „Kritik der ökonomischen Vernunft“

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