Verfasst von: sanddancer | Oktober 14, 2007

„ja es ist kalt draußen“

Um halb 4 Morgens bei klirrender Kälte und sternenklaren Himmel, sitze ich an einem Bahnsteig, irgendwo in der Stadt. Natürlich kennt man den Ort, aber es sind diese Momente in denen man tiefverpackt die Einsamkeit des Lebens fühlt und genießt. Und in solchen Momenten ist der Ort scheiß egal, das einzige was zählt ist die Straßenlaterne, der raschelnde Baum und sind die Sterne über dir.
Niemand ist unterwegs außer vllt. eine Polizeistreife in Zivil, die auf Suche nach nächtliche Alkoholleichen ist….
So schaue ich um mich herum und in mich hinein. Klar ist, dass der jetzige Tag vergeben ist, genauso wie der jetzige Morgen. Ich habe vergessen ihm eine Chance zu geben. Stattdessen sitze ich auf einer Haltestellenbank, immernoch, während die Uhr fast 4 zeigt. Es ist die tiefe Nacht, der ich zugehöre.

Schließlich kommt die Bahn, fast schleichend und fast erstarrt betrete ich den Innenraum. Erst nach einer Weile merke ich, dass ich nicht alleine bin. Ja es ist die übliche Besetzung: ein umschwungenes Liebespaar, ein schlafender Jugendlicher, zwei oder drei Schichtarbeiter und ein Mann mit längeren Bart und Plastiktüten. Er sitzt fast neben mir, seine Hände sind rot.

Er ist sicherlich nicht der einzige mit roten Händen. Jede Stadt hat seine Opfer, Opfer des Glücks, die beim gesellschaftlichen Erfolgsspiel das Pech verfolgte. Was ihnen fehlt ist der Schutz eines Handschuhes, der Raum zum Schutz, oder einfach ein Handschuh für den Körper. Sie sind unübersehbar und doch unscheinbar.
Ich weiß nicht wer zuerst begann, es ist eigentlich auch egal, aber es war der treffende Blick, der mir sagte, still sitzen kannst du später.
Ich drehe mich um,
“hallo, wie geht es Ihnen?”,
“…es ist kalt draußen”,
“ja …. sehr kalt,.. wohin geht denn die Reise?”
„Seit vorgestern bin ich aus der Wohnung draußen, am Dienstag bekomme ich ein Zimmer von der Stadt…”
“hm..Haben sie eine Decke dabei?”
““Eine Decke? wie soll ich denn eine Decke mit mir rumschleppen?…. Aber vielleicht finde ich noch etwas….oder du hast nicht zufällig eine Gelegenheit zum Übernachten?”
“…ich wohne sehr weit weg, aber kann ich Ihnen andersweitig helfen?”
“nein, ist schon in Ordnung…
aber weißt du …. mir gehts es wirklich beschissen.”

Die Bahn bleibt stehen, wir steigen zusammen aus. Fast verhohlen drücke ich ihm die kalte Hand. Er machte zwischen dem Gesprochenen oft lange Pausen, als ob er befürchtete, dass jeder Satz ihm den Rest der inneren Wärme rauben wird. Und er hatte keine Handschuhe.
Neben mir, außen an der Haltestelle “Erbprinz”, erhebt sich hinter einer Hecke das riesige Erbprinzenhotel mit seinen unzähligen Zimmern; Ein Hotel mit vielen goldenen Lichtern, während die meisten Zimmer doch nur im Dunkeln bleiben.
Der Mann geht seinen Weg, ich schaue ihm hinterher. Schauen, während es immernoch kalt ist. Ich fühle, wie sich mein Magen zusammenzieht. Es wird Zeit sich auch zu bewegen. Was bleibt ist der Eindruck, die Kälte und die Sterne über mir, funkelnde Lichter im Dunkeln.

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